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Freitag, 4. April: Wegen der Veranstaltungen zur Nacht der Bibliotheken schließen die Lesesäle der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig bereits um 21:30 Uhr.

Nachrichten aus den Exilsammlungen

Ausschnitt der illustrierten Titelseite des London Diary von Lili Cassel. Ein zeichnendes Mädchen sitzt zwischen Wolken vermutlich auf einem Sperrballon zur Abwehr von Luftangriffen. Die Illustrationen sind mit Tusche und Wasserfarben gemalt.

Guy Stern (1922–2023) – in memoriam

Am 7. Dezember 2023 verstarb Professor Guy Stern im Alter von 101 Jahren in Michigan, USA. Guy Stern war dem Exilarchiv jahrzehntelang verbunden. Wir trauern um einen großartigen Menschen, der bleibende Spuren hinterlassen hat, die weiterwirken werden.

Guy Stern wurde am 14. Januar 1922 in Hildesheim als Günther Stern in eine jüdische Familie geboren. 1937 konnte er sich durch die Unterstützung einer Hilfsorganisation und eines Onkels aus der nationalsozialistischen Diktatur in die USA retten. Seine Hoffnung, seine Familie nachholen zu können, erfüllte sich nicht. Er überlebte als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust. Seine Eltern Julius und Hedwig Stern, geb. Silberberg, und seine Geschwister Werner und Eleonore wurden im März 1942 ins Warschauer Getto deportiert, sie wurden an einem unbekannten Ort im besetzten Polen ermordet.

In den USA besuchte Guy Stern die Highschool und nahm 1940 das Studium der Romanistik an der Saint Louis University auf. 1942 meldete er sich freiwillig zum Militärdienst in der U.S. Army. In Camp Ritchie, Maryland, wurde er in einer Sondereinheit in militärischer Aufklärungsarbeit ausgebildet. In diesem Jahr wurde er offiziell unter dem Namen Guy Stern zum US-amerikanischen Staatsbürger. Ab 1944 war er als einer der heute berühmten „Ritchie Boys“ mit der Vernehmung von Kriegsgefangenen befasst. Erst bei seiner Rückkehr nach Hildesheim, als Soldat der US-Armee, erfuhr er, dass seine gesamte Familie von den Nationalsozialisten ermordet worden war. Guy Stern kehrte in die USA zurück, studierte weiter Romanistik, ab 1948 auch Germanistik und begann seine erfolgreiche Laufbahn als Germanistik-Professor, die ihn an unterschiedliche Universitäten in den USA und auch nach Deutschland führte. Guy Stern leistete grundlegende und wegweisende Beiträge zur Exilforschung. Gemeinsam mit Wulf Koepke und John M. Spalek gründete er 1978 die Society for Exile Studies, Inc. (heute: North American Society for Exile Studies) und war eng mit der Gesellschaft für Exilforschung e.V. verbunden, deren Ehrenmitglied er wurde. Guy Stern war Vize-Präsident der Kurt-Weill-Gesellschaft und Präsident der Lessing Society, die er auch mitbegründet hat. Guy Stern war Mitglied im Board of Trustees des Leo Baeck Institute, Direktor des International Institute of the Righteous des Holocaust Memorial Center in Detroit und Präsident des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, um nur einige seiner Funktionen zu nennen. Guy Stern wurde vielfach geehrt und ausgezeichnet, u.a. mit der Bronze Star Medal, dem Großen Bundesverdienstkreuz, mit der Goethe-Medaille, mit der Ehrenbürgerschaft der Städte Hildesheim und Utah Beach, mit der Ehrendoktorwürde der Hofstra University.

Mit dem Deutschen Exilarchiv war Guy Stern jahrzehntelang eng verbunden. Er nutzte die Sammlung, wenn er sich in Deutschland aufhielt, und blieb zu vielen Themen im Austausch. 2017 wurde ihm im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek der OVID-Preis des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland verliehen. Im Jahr darauf hielt er die Laudatio für die Preisträgerin 2018, Herta Müller. Im Januar 2022 feierten wir seinen 100. Geburtstag in einer virtuellen Veranstaltung, die das Exilarchiv in Kooperation mit dem PEN Zentrum deutschsprachiger Autoren ausrichtete. Weggefährten aus dem In- und Ausland gratulierten und gaben Einblick in das vielfältige Schaffen Guy Sterns. Anlässlich von Guy Sterns 100. Geburtstag erschienen Anfang 2022 zwei wichtige Publikationen. Im Aufbau-Verlag wurde die deutschsprachige Fassung seine Autobiografie „Wir sind nur noch wenige – Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys“ herausgebracht, übersetzt von seiner Frau Susanna Piontek. Zudem gaben Frederick Lubich und Marlen Eckl die umfangreiche Festschrift „Von der Exilerfahrung zur Exilforschung – Zum Jahrhundertleben eines transatlantischen Brückenbauers“ (Verlag Königshausen & Neumann) heraus.

An die vielen Besuche Guy Sterns im Exilarchiv denken wir dankbar zurück. Er war ein hochgeschätzter Weggefährte, ein ausgewiesener Fachexperte u.a. auf dem Gebiet der Exilforschung. In Erinnerung bleiben werden aber zudem seine Menschlichkeit, seine Freundlichkeit, seine Spontaneität und sein Humor. Wir trauern um einen großartigen Menschen, der bleibende Spuren hinterlassen hat, die weiterwirken werden.

„Meine mir selbst gestellte Aufgabe ist immer gewesen, dass ich als einzig Überlebender ein Leben zu führen habe, das etwas bedeutet“, so Guy Stern in einem Interview 2018.
Das ist ihm gelungen. Danke, Guy Stern.

(Dr. Sylvia Asmus)

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Inhalt des Dossiers

  1. Dr. Vincent C. Frank Steiner (1930–2025) – In memoriam
  2. Hans Günter Flieg (1923–2024) – In memoriam
  3. Dr. Ruth K. Westheimer (1928–2024) – in memoriam
  4. Guy Stern (1922–2023) – in memoriam
  5. Trude Simonsohn (1921-2022) – in memoriam
  6. „Kinderemigration aus Frankfurt am Main. Geschichten der Rettung, des Verlusts und der Erinnerung"
  7. Fragebögen als Quelle zur Erforschung des deutschsprachigen Exils – Am Beispiel von Alfred Kantorowicz
  8. Professor Dr. John M. Spalek (1928-2021) in memoriam
  9. Lieselotte Maas (1937-2020) – In memoriam
  10. Ruth Klüger (1931-2020) – In memoriam
  11. „Was soll ich kochen?“ – Rezepte aus dem Deutschen Exilarchiv 1933-1945
  12. Hellmut Stern (1928-2020) – In memoriam
  13. Thomas Mann: Deutsche Hörer! – Hörstation Exil 1933-1945 vor der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt eingeweiht
  14. Ausstellungskatalog „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ erscheint
  15. Themenschwerpunkt Exil: Das Geschichtsmagazin „Damals“ erscheint in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945
  16. Dora Schindel (1915–2018) – In memoriam
  17. Werner Berthold (1921–2017) – In memoriam
  18. Rolf Kralovitz (1925 - 2015) – In memoriam
  19. Buddy Elias – In memoriam
  20. Künste im Exil - virtuelle Ausstellung und Netzwerk
  21. Brigitte Kralovitz-Meckauer (1925–2014) – In memoriam
  22. Ludwig Werner Kahn - zum 100. Geburtstag
  23. Verleihung der Goethe-Medaille und der Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft für Exilforschung e.V. an Professor John M. Spalek
  24. „Nestor der deutschen Finanzwissenschaft“ - Fritz Neumark zum 110. Geburtstag
  25. Büchergeschenk für die Deutsche Nationalbibliothek
  26. „Als Gefangene bei Stalin und Hitler“ - Margarete Buber-Neumann zum 20. Todestag
  27. Begründer der Futurologie - Ossip K. Flechtheim zum 100. Geburtstag
  28. Zum Tod der Lyrikerin Emma Kann
  29. Nestor der Exilforschung 1933-1945 in den USA - zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. John M. Spalek
  30. Vorlass des Politologen John G. Stoessinger im Deutschen Exilarchiv 1933-1945
  31. Lili Cassel Wronker: A London Diary, 1939–1940
  32. Chronistin ihres Jahrhunderts - Anja Lundholm zum 90. Geburtstag
  33. Reichsausbürgerungskartei
  34. Das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 erwirbt den umfangreichen Nachlass des Hethitologen Hans Gustav Güterbock (1908–2000)
  35. Geneviève Pitot: Der Mauritius-Schekel

Letzte Änderung: 07.03.2025
Kurz-URL: https://www.dnb.de/deanachrichten

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